Übersetzungstheorie

Übersetzung, klassischerweise verstanden als interlinguale Übersetzung, meint die schriftliche Übertragung schriftlicher Texte aus einer Ausgangs- in eine Zielsprache. Ihrer Erforschung widmet sich die Übersetzungswissenschaft als Teilgebiet der Translationswissenschaft, die sich darüber hinaus insbesondere auch mit dem Dolmetschen befasst, bei dem jedoch – im Unterschied zum Übersetzen – weder der Ausgangstext noch das Translat (schriftlich) fixiert sind.

Das Problem der Übersetzbarkeit

Die Frage nach der prinzipiellen Übersetzbarkeit von Texten und damit nach der Übertragbarkeit von Inhalten von einer Sprache in eine andere kann als die grundlegendste Frage der Übersetzungstheorie gelten. Gleichzeitig stellt sie jedoch die wohl am wenigsten relevante Frage der Übersetzungspraxis dar: Texte werden übersetzt – ein Faktum, das den einen seit jeher als Beweis dafür gilt, dass Übersetzen möglich ist, das andere aber nicht davon abhält, diese Behauptung entweder prinzipiell oder aber in Bezug auf bestimmte sprachliche Aspekte in Frage zu stellen. Wie dem auch sei: Als Übersetzer müssen und dürfen wir von der grundsätzlichen Möglichkeit des Übersetzens ausgehen.

Die Übersetzungsmethode: einbürgernde oder verfremdende Übersetzung

Die Frage nach der einer Übersetzung zu Grunde zu legenden Übersetzungsmethode bezieht sich auf die grundsätzliche Vorgehensweise bei der Übersetzung eines ganzen Textes und damit auf die Grundstruktur des Übersetzens. Hierbei unterscheidet man herkömmlich zwischen einbürgernder (auch: adaptierender) und verfremdender Übersetzung.

Die einbürgernde Übersetzung ist an den Normen der Zielsprache und gegebenenfalls an der Kultur sowie der Epoche des Zieltextes orientiert. Ziel der einbürgernden Übersetzung ist es also, das Translat gewissermaßen in den sprachlichen und kulturellen Kontext des Zieltextes einzupassen. Es soll sich hier möglichst bruchlos einfügen, indem man ihm seine Herkunft aus der Ausgangssprache und damit seine Eigenschaft als Produkt eines Übersetzungsvorganges nicht mehr ohne Weiteres ansieht.

Dagegen richtet sich die verfremdende Übersetzung an den Normen der Ausgangssprache und gegebenenfalls am kulturellen Kontext sowie an der Epoche des Ausgangstextes aus. Ziel dieser Methode ist es also, die Prägung des Ausgangstextes bei der Übertragung in die Zielsprache so weit wie möglich beizubehalten, wobei in Kauf genommen wird, dass das Translat im Kontext der Zielsprache als Fremdkörper erscheint. Die verfremdende Übersetzungsmethode wird heute mitunter für die Übersetzung philosophischer, aber auch literarischer Texte bevorzugt, weil sie die sprachlichen (sowie gegebenenfalls kulturellen und historischen) Charakteristika des Ausgangstextes bewahrt und in der Zielsprache sichtbar werden lässt.

Es handelt sich bei diesen beiden Übersetzungsmethoden um Extremmodelle. In der Praxis bewegt sich jede Übersetzung zwischen diesen beiden Extremen. Allerdings bleibt die Festlegung der anzuwenden Übersetzungsmethode eine für jede Übersetzung grundlegende Entscheidung.

Die Übersetzungstechnik: wörtliche oder freie Übersetzung

Nicht notwendig auf den gesamten zu übersetzenden Text, sondern auf konkrete Einzelprobleme des Übersetzens und ihre Lösung bezieht sich die Frage nach der anzuwendenden Übersetzungstechnik, die teilweise auch als Übersetzungsverfahren bezeichnet wird. Insofern wird traditionell die wörtliche von der nichtwörtlichen oder auch freien Übersetzungstechnik unterschieden. Dieser Unterschied war in der Sache bereits antiken Autoren bekannt. So hat ihn etwa Marcus Tullius Cicero auch ausdrücklich benannt.

Bei Anwendung einer wörtlichen Übersetzungstechnik bleibt die sprachliche Struktur des Ausgangstextes, beispielsweise eines Satzes in der Ausgangssprache, in der Übersetzung so weit wie möglich erhalten, indem Syntax, Wortbedeutungen und Grammatik möglichst unverändert in die Zielsprache übertragen werden. Die Reihenfolge und Bedeutung der einzelnen Worte im Satz wird dabei ebenso beibehalten wie etwa die Diathese (Aktiv oder Passiv). Bezugspunkt für die Übertragung des Textes aus der Ausgangs- in die Zielsprache ist hier das einzelne Wort: Es handelt sich um eine Übersetzung verbum pro verbo (Cic. opt. gen. 5.14), also Wort für Wort.

Eine nichtwörtliche oder freie Übersetzungstechnik zielt dagegen darauf ab, für die sprachliche Struktur des Ausgangstextes eine Struktur in der Zielsprache zu finden, die nicht mit jener identisch, sondern ihr nur angemessen sein und ihr nur in diesem weiten, freien Sinne entsprechen muss. Bei der freien Übersetzung können daher sowohl die Wortstellung im Satz als auch die Bedeutung einzelner Worte sowie grammatische Eigenheiten verändert werden. Bezugspunkt für die freie Übersetzung ist nicht das einzelne Wort, sondern ein vollständiger Ausdruck, Satz oder Textteil mit seinem Aussagegehalt: Die Übersetzung erfolgt nicht Wort für Wort, sondern mit einem Blick für größere Texteinheiten.

Der Übersetzungsprozess: verstehen – deverbalisieren – reformulieren

Der Gesamtprozess des Übersetzens wird – unabhängig von der zu Grunde gelegten Übersetzungsmethode und der im Einzelfall angewandten Übersetzungstechnik – in der modernen Translationswissenschaft häufig als dreiaktiger Vorgang beschrieben, der sich aus den Schritten verstehen, deverbalisieren und reformulieren zusammensetzt.

Danach muss der Übersetzer im ersten Schritt den Ausgangstext verstehen, indem er Bedeutung und Sinn der hier verwendeten Sprachzeichen erfasst. Dabei ist es für den Übersetzer selbstredend essentiell, dass dieses Verständnis möglichst vollständig ist. Sodann hat er den erfassten Sinngehalt von den ausgangssprachlichen Sprachzeichen zu abstrahieren und damit von der Ausgangssprache zu lösen, also den Inhalt des Ausgangstextes zu deverbalisieren. Im dritten und letzten Schritt muss er sodann diesen Inhalt unter Verwendung zielsprachlicher Sprachzeichen wiedergeben, indem er ihn in der Zielsprache neu formuliert.

Dieses Modell des Übersetzungsprozesses ist dabei eher analytischer Natur: Unabhängig von grundsätzlicher Kritik an dem Modell – etwa in Form des Einwandes, dass Inhalte nur in Form von Sprache gedacht werden können, so dass der Schritt des Deverbalisierens rein fiktiv ist – fallen die drei Schritte bei der praktischen Arbeit des Übersetzers meist in einem Akt zusammen.

Übersetzungstypen: literarische oder Fachübersetzung

Mit Blick auf die Gattung des zu übersetzenden Textes werden vor allem zwei sogenannte Übersetzungstypen unterschieden: Ausgehend von der Differenzierung zwischen literarischen Texten und Fachtexten unterscheidet man zwischen literarischer Übersetzung einerseits und Fachübersetzung andererseits.

Die literarische Übersetzung spielt zwar mit Blick auf den Übersetzungsmarkt – gemessen etwa an den Umsätzen der Übersetzer – eine untergeordnete Rolle, ist aber dessen ungeachtet von herausragender kultureller Bedeutung und kommt dem Laien beim Gedanken an »Übersetzungen« möglicherweise sogar zuallererst in den Sinn. Durch die Übersetzung literarischer Texte, seien es Prosa, Drama oder Lyrik, werden literarische Traditionen und Kulturen einem Leserkreis zugänglich gemacht, der über die Angehörigen des jeweiligen Kulturraums weit hinausgeht. Dabei bringt das literarische Übersetzen, das nicht nur von der Übersetzungswissenschaft, sondern auch von der vergleichenden Literaturwissenschaft (Komparatistik) untersucht wird, ganz eigene Herausforderungen mit sich: So muss der literarische Übersetzer etwa mit Phänomenen wie Erzählperspektive, Rhythmus, rhetorischer Figur, dialogischer Form oder Metapher sowie im Falle der lyrischen Übersetzung gar mit Metrum oder Reim umgehen – wobei zunächst offen ist, ob und wie die im Ausgangstext vorgefundenen Erscheinungen in den Zieltext zu übertragen sind. Soweit der Anspruch dahingeht, dass das Translat diese Erscheinungen des Ausgangstextes sichtbar werden lasse, also dokumentiere, spricht man auch von einer dokumentarischen Funktion des Übersetzens. So oder so tritt beim literarischen Übersetzen zur anspruchsvollen Übersetzungsmethodik ohne Zweifel eine künstlerische Herausforderung.

Um Herausforderungen anderer Art handelt es sich dagegen bei der Fachübersetzung, also bei der Übertragung nichtliterarischer Fachtexte. Hier geht es in der Mehrzahl der Fälle darum, einen Fachtext, der in der Ausgangssprache eine spezifische Funktion erfüllt, dergestalt in die Zielsprache zu übertragen, dass das Translat seinerseits diese Funktion in der Zielsprache erfüllt. Dient etwa eine englischsprachige Gebrauchsanweisung dazu, einem englischsprachigen Nutzer den Gebrauch eines Produktes zu erläutern, so soll die italienische Übersetzung dieser Gebrauchsanweisung den gleichen Zweck für einen italienischsprachigen Nutzer erfüllen. Die Übersetzung ist in diesem Sinne instrumentell oder funktional. Der dokumentarische Charakter, also die Wiedergabe der Eigenheiten des Ausgangstextes, spielt hier dagegen keine Rolle.

Einen Spezialfall des Fachübersetzens stellt das juristische Übersetzen dar.

Juristisches Übersetzen: dokumentarische oder instrumentelle Übersetzung

Die besonderen Herausforderungen des juristischen Übersetzens ergeben sich nicht nur daraus, dass juristische Texte – und hier entweder der Ausgangstext, der Zieltext oder beide Texte – regelmäßig mit Rechtswirkungen verbunden sind. Hinzu kommen die umfangreichen juristischen Fachterminologien verschiedener Sprachen, die – da sich unterschiedliche Rechtsordnungen inhaltlich mehr oder weniger stark voneinander unterscheiden – in vielen Fällen nicht untereinander kompatibel sind. Weiterhin erfordert der allgemein hohe Grad sprachlicher Präzision, den juristische Texte zumeist aufweisen, eine entsprechend große Präzision der Übersetzung. Und schließlich sind gerade im Falle des juristischen Übersetzens die unterschiedlichen Zwecke zu berücksichtigen, denen die Übersetzungen dienen können. Dabei sind grundsätzlich zwei Zwecke zu unterscheiden, die zu durchaus unterschiedlichen Übersetzungsergebnissen führen können.

Zum einen mag die Übersetzung eines juristischen Textes dazu dienen, den Ausgangstext auch in einer fremden Sprache in allen seinen Details erfassen zu können. Dies ist etwa der Fall, wenn die Verwandten des Erblassers dessen Testament verstehen möchten, das in einer Sprache abgefasst ist, die sie selbst nicht beherrschen. Oder aber dann, wenn ein Gericht den Inhalt einer Vertragsurkunde zu bewerten hat, die in einer anderen als der Gerichtssprache abgefasst ist. In diesen Fällen dient die Übersetzung der – möglichst präzisen – Dokumentation des Inhaltes der Ausgangstexte. Eine solche dokumentarische Übersetzung hat sich an diesem Zweck, der auch informativ genannt werden kann, auszurichten.

Zum anderen kann eine juristische Übersetzung aber auch dazu dienen, ein Translat hervorzubringen, das seinerseits Rechtswirkungen entfalten soll. Diesen Zweck mag etwa ein Unternehmen verfolgen, das in einem Land bestimmte Vertragsmuster verwendet, die unter der Rechtsordnung dieses Landes bestimmte Rechtsfolgen garantieren, wenn es entsprechende Vertragsmuster nun auch in einem anderen Land verwenden will, unter dessen Rechtsordnung die gleichen Rechtsfolgen herbeigeführt werden sollen. In diesem Fall darf sich die anzufertigende Übersetzung nicht darin erschöpfen, den Inhalt der Ausgangstexte zu dokumentieren. Vielmehr muss erreicht werden, dass die zu erstellenden Vertragsmuster in der Zielsprache und unter der Rechtsordnung des Ziellandes die gleichen Rechtsfolgen herbeiführen wie die ursprünglichen Vertragsmuster in der Ausgangssprache unter der Rechtsordnung des Ausgangslandes. Die Übersetzung verfolgt hier nicht informative, sondern instrumentelle Zwecke. Das Translat muss in dem Sinne funktional sein, dass es im Zielkontext die gleichen (rechtlichen) Wirkungen zeitigt wie der Ausgangstext in seinem Ausgangskontext.

Adäquanz, Äquivalenz und Invarianz als Zentralbegriffe der modernen Übersetzungswissenschaft

Jenseits all dieser Modelle und Prozessbeschreibungen spielen in der modernen Übersetzungswissenschaft (wie in der Translationswissenschaft insgesamt) die Begriffe Adäquanz, Äquivalenz und Invarianz eine zentrale Rolle.

Als »adäquat« wird eine Übersetzungsmethode oder Übersetzungstechnik bezeichnet, die dem konkreten Übersetzungsvorgang »angemessen« ist, indem sie den mit ihm verbundenen Herausforderungen genügt – etwa mit Blick auf die Gattung des Ausgangstextes und den Zweck der Übersetzung.

Der Begriff der Äquivalenz beschreibt dagegen das – als ideal gedachte – Verhältnis der Übersetzung, also des Translats oder Zieltextes, zum Ausgangstext. »Äquivalenz« bedeutet dabei die »Gleichwertigkeit« der Übersetzung im Verhältnis zum Originaltext und soll vorliegen, wenn bestimmte Merkmale, Eigenschaften, Charakteristika oder »Werte« der Übersetzung »gleich« denjenigen des Ausgangstextes sind.

Auf ebendiese Merkmale, die in der Übersetzung idealerweise die gleichen wie im Originaltext sein sollen, bezieht sich schließlich der Begriff der Invarianz: Die fraglichen Merkmale sollen »invariant« sein, also bei der Übersetzung »unverändert« bleiben. Die Frage, welche Merkmale genau Gegenstand dieser Invarianzforderung sein sollen, ist in der Übersetzungswissenschaft bis heute umstritten. Letztlich muss sie jeder Übersetzer immer wieder neu für sich selbst beantworten.

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