Immanuel Kant
Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung? (1784)

Immanuel Kant, geboren am 22. April 1724 in Königsberg und gestorben am 12. Februar 1804 ebenda, beteiligt sich mit seiner »Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung?« aus dem Jahr 1784 an einer Diskussion, die sich in jener Zeit um ebendiese Frage entsponnen hatte. Ausdrücklich gestellt worden war sie von dem Berliner Pfarrer Johann Friedrich Zöllner in seinem Aufsatz »Ist es rathsam, das Ehebündniß nicht ferner durch die Religion zu sanciren?«, der im Jahr 1783 in der Dezember-Ausgabe der Berlinischen Monatsschrift erschienen war. In einer Fußnote zu seinem Beitrag schreibt Zöllner: »Was ist Aufklärung? Diese Frage, die beinahe so wichtig ist, als: was ist Wahrheit, sollte doch wohl beantwortet werden, ehe man aufzuklären anfinge! Und doch habe ich sie nirgends beantwortet gefunden.« Kants rund 13 Seiten lange Antwort erscheint genau ein Jahr später, im Dezember 1784, in derselben Zeitschrift, nachdem in der September-Ausgabe bereits ein Antwortversuch Moses Mendelssohns publiziert worden war, auf den Kant wegen der zeitlichen Nähe der Veröffentlichungen in seinem Aufsatz nicht mehr eingehen kann.

Kant beginnt mit seiner prägnanten, klassisch gewordenen Definition der Aufklärung, um dann die Freiheit als gleichermaßen notwendige wie hinreichende Bedingung für Aufklärung zu identifizieren. Sodann führt er die für seinen Ansatz wesentliche Unterscheidung zwischen öffentlichem und privatem Gebrauch der Vernunft ein. Danach ist der Prozess der Aufklärung dadurch bedingt, dass der öffentliche Gebrauch der Vernunft, das heißt die Betätigung als Gelehrter vor dem Publikum der Welt, stets frei sei. Dagegen dürfe ihr Privatgebrauch, insbesondere in der Funktion als Amtsträger, ohne Schaden für den Fortgang der Aufklärung eingeschränkt werden, soweit dies erforderlich ist. Kant setzt dann einen Schwerpunkt seiner Ausführungen auf das Verhältnis von Staat und Religion. Auf die Frage »Leben wir jetzt in einem aufgeklärten Zeitalter?« schließlich lautet Kants Antwort: »Nein, aber wohl in einem Zeitalter der Aufklärung.« Dieses Zeitalter ist für Kant das Zeitalter Friedrichs des Großen, eines im kantischen Sinne aufgeklärten Herrschers.

Zu Walter Benjamin, Die Aufgabe des Übersetzers (1923).