Latein

Das Lateinische rechnet zur indoeuropäischen Sprachfamilie und stellt die Urform der romanischen Sprachen dar. Gemeinsam mit diesen bildet es die Gruppe der italischen Sprachen. Das Lateinische war – jedenfalls ganz überwiegend – die Verkehrs- und Verwaltungssprache des Römischen Reiches (Imperium Romanum) und ist heute Amtssprache des Staates Vatikanstadt. Seine Bedeutung beruht auf seiner historischen Doppelrolle zum einen als Urform der heutigen romanischen Sprachen, die entsprechend stark von ihm beeinflusst sind, und zum anderen als europäische Kultursprache und lingua franca, die vom Römischen Reich ausgehend durch das gesamte Mittelalter hindurch und bis weit in die Neuzeit hinein in weiten Teilen Europas von herausragender Bedeutung war. Eine Rolle spielt es noch heute im universitären sowie im kirchlichen Bereich.

Geschichte

Der Name der lateinischen Sprache (lingua latina) geht zurück auf den Stamm der Latiner, den wohl zuerst in der Theogonie (Θεογονία, Vers 1013: »Λατῖνον«) des griechischen Dichters Hesiod (Ἡσίοδος) erwähnten Hauptstamm der Italiker, der seinen Namen wiederum von der Region Latium herleitet, in die er gegen Ende des zweiten oder zu Beginn des ersten Jahrtausends vor Christus von jenseits der Alpen her einwandert und deren Zentrum ab dem 8., spätestens dem 7. Jh. v. Chr. die Stadt Rom bildet. In dieser Zeit bildet sich die lateinische Sprache heraus. Ihre Geschichte reicht nach einer etablierten Epocheneinteilung vom Frühlatein über das Altlatein und die Klassik bis zum Spätlatein.

Aus der frühlateinischen Phase, die mit der Herausbildung der Sprache im 7. Jh. v. Chr. beginnt, sind uns insbesondere vier Inschriften, das sind in Metall, Stein ,Ton oder ähnlichen Materialien verewigte Texte, erhalten, die klar der lateinische Sprache zugeordnet werden können: Zum einen die Fibula Praenestina, eine knapp 11 cm lange Fibel, gefunden im italienischen Palestrina (in der Antike Praeneste) nahe Rom, die heute auf die erste Hälfte des 7. Jh. v. Chr. datiert wird und damit als das älteste erhaltene Zeugnis der lateinischen Sprache gilt. Die aus Gold gefertigte Fibel enthält die – im Original noch linksläufige – Inschrift »MANIOS:MED:FHE:FHAKED:NVMASIOI« (»Manios hat mich für Numerios gemacht.«) und befindet sich seit 1901 im Museo Nazionale Preistorico Etnografico »Luigi Pigorini« in Rom, das seit 2016 Teil des Museo delle Civiltà ist. Als zweitältestes und leider nur schwer zu entzifferndes Zeugnis der lateinischen Sprache gilt die Duenos-Inschrift aus der zweiten Hälfte des 7. Jh. v. Chr. auf einer 1880 in Rom gefundenen Vase, die sich seit 1921 als Exponat 30894, 3 in der Antikensammlung Berlin befindet. Beim Lapis Niger handelt es sich um eine mit einer Inschrift versehene Stele unter schwarzen Marmorplatten, die sich auf dem Forum Romanum befindet und wohl im 6. Jh. v. Chr. entstanden ist. Ebenfalls aus dem 6. Jh. v. Chr. stammt das vierte Zeugnis, der Lapis Satricanus, der 1977 in der Region Latium in den Überresten der antiken Stadt Satricum gefunden wurde und eine Weihinschrift aufweist. In die Jahre 451/450 v. Chr. datiert, aber nicht erhalten und zudem nicht in ihrer ursprünglichen sprachlichen Form überliefert sind die Zwölftafelgesetze (leges duodecim tabularum).

Bis in die Mitte des ersten Jahrtausends vor Christus finden sich auf der italienischen Halbinsel jedoch neben den frühen Formen des Lateinischen noch zahlreiche andere Sprachen. Neben dem Griechischen, das in Süditalien und auf Sizilien vorherrscht, gehören dazu vor allem das Oskisch-Umbrische, das sich in Süd- und Mittelitalien findet, das Etruskische, also die Sprache der (wie die Latiner) im westlichen Mittelitalien siedelnden Etrusker, das bis heute praktisch nicht erschlossen werden konnte, sowie das Venetische, das ist die Sprache der Veneter in Nordostitalien. Erst allmählich, nämlich im Laufe des letzten halben Jahrhunderts vor der Zeitenwende, breitet sich das Lateinische in ganz Italien aus, wobei es zwar – vor allem hinsichtlich des Wortschatzes – viele Einflüsse aus den genannten Sprachen in sich aufnimmt, diese aber letztlich verdrängt. Eine Ausnahme bildet nur das Griechische, das in Süditalien und auf Sizilien nie ganz verdrängt wird.

Die altlateinische Phase beginnt mit dem ältesten bekannten literarischen Werk in lateinischer Sprache, der lateinischen Übertragung der Odyssee des Livius Andronicus aus der ersten Hälfte des 3. Jh. v. Chr. mit dem Titel »Odusia«, von dem uns allerdings nur wenige Fragmente überliefert sind. Wichtige Werke des Altlateinischen sind zudem die Komödien des Plautus (um 254–184 v. Chr.) sowie die Komödien des Terenz (um 190–159/158 v. Chr.). Ein bedeutender Einzeltext aus dieser Epoche ist außerdem der Senatsbeschluss Senatus consultum de Bacchanalibus aus dem Jahr 186 v. Chr., mit dem die Kultfeiern für den Gott Bacchus, die sogenannten Bacchanalien, reguliert und unter ein Verbot mit dem Vorbehalt der Genehmigung durch den Prätor gestellt werden. Der Text ist uns auf einer Bronzetafel überliefert, die sich heute in der Antikensammlung des Kunsthistorischen Museums in Wien befindet (Inventarnummer III 168). Es handelt sich dabei um den ältesten als Inschrift überlieferten römischen Senatsbeschluss.

Mit dem ersten Jahrhundert vor Christus beginnt die Zeit der lateinischen Klassik, in der die lateinische Sprache ihre Blüte erreicht. Die Kernepoche dieser Zeit wiederum wird gemeinhin als »Goldene Latinität« bezeichnet. Sie umfasst das erste Jahrhundert vor Christus und die Zeit des Augustus, des ersten römischen Kaisers (bis 14 n. Chr.). Als die beiden wichtigsten Vertreter der Goldenen Latinität und damit der lateinischen Sprache überhaupt gelten Marcus Tullius Cicero (genannt Cicero) und Publius Vergilius Maro (genannt Vergil). Hinzu kommen Gaius Iulius Caesar (genannt Caesar) und Publius Ovidius Naso (genannt Ovid). Cicero (106–43 v. Chr.) wird zumeist als schlechthin vorbildhaft hinsichtlich Wortschatz und Stil seines Werkes angesehen. Von ihm sind zahlreiche philosophische und rhetorische Schriften sowie 58 Reden (politische wie Gerichtsreden) und 774 Briefe, vor allem an seinen Vertrauten Atticus, erhalten – eine Überlieferungslage, die nicht zuletzt Ciceros langjährigem Privatsekretär Tiro zu verdanken ist. Caesar (100–44 v. Chr.) rechnet als Autor zeitlich in die Phase der Goldenen Latinität, wenn er auch nach der Stilhöhe seiner – sehr schlichten – Sprache kaum als Vertreter derselben gelten kann. Seine beiden literarischen Hauptwerke sind die Kriegsberichte Commentarii de bello Gallico (Bericht über den Gallischen Krieg, wohl um 50 v. Chr.) und Commentarii de bello civili (Bericht über den Bürgerkrieg, wohl um 45 v. Chr.). Vergil (70–19 v. Chr.) ist vor allem wegen seiner Bucolica (Hirtengedichte, entstanden um 40 v. Chr.) und insbesondere der Aeneis, welche als römisches Nationalepos gilt, einer der berühmtesten römischen Dichter überhaupt. Ovid (43 v. Chr. bis 18 n. Chr.) ist, abgesehen von Werken wie der Ars amatoria (Liebeskunst) und den Fasti (Feiertage; erhalten ist die erste Hälfte mit den Monaten Januar bis Juni), vor allem für seine Metamorphosen berühmt. Weitere wichtige Vertreter der Goldenen Latinität sind Catull (Gaius Valerius Catullus, geboren in den 80er- und gestorben in den 50er-Jahren v. Chr., mit einem 116 carmina (Gedichte) umfassenden Werk), Sallust (Gaius Sallustius Crispus, 86–35/34 v. Chr., mit seinem nur fragmentarisch erhaltenen Hauptwerk Historiae), Titus Livius (Titus Livius Patavinus, 59 v. Chr. bis um 17 n. Chr., mit seinem Hauptwerk Ab urbe condita, einer Geschichte Roms von dessen Gründung an) sowie Horaz (Quintus Horatius Flaccus, 68–8 v. Chr., mit einer Vielzahl von Schriften und insbesondere dem Spätwerk De arte poetica (Über die Dichtkunst)).

Nach Horaz beginnt die Phase der Silbernen Latinität. Ihre Hauptvertreter sind Seneca (Lucius Annaeus Seneca, um 4 v. Chr. bis 65 n. Chr., mit Werken wie De ira (Über den Zorn), De brevitate vitae (Über die Kürze des Lebens) und De vita beata (Über das glückliche Leben), den Briefen Epistulae morales ad Lucilium und acht Tragödien), Lucan (Marcus Annaeus Lucanus, 39–65 n. Chr.), Plinius dem Älteren (Gaius Plinius Secundus maior, 23/24–79 n. Chr., mit seinem Hauptwerk Naturalis historia (Naturgeschichte)), Tacitus (Publius Cornelius Tacitus, um 55 bis um 120 n. Chr., mit Werken wie De origine et situ Germanorum (Über die Herkunft und die Sitten der Germanen) und den Annales) sowie Apuleius (um 120 bis um 180 n. Chr., mit seinem Hauptwerk, den Metamorphosen (nicht zu verwechseln mit den Metamorphosen des Ovid)).

Im 2. Jh. n. Chr. lässt man sodann die Nachklassik oder aber die Epoche des Spätlateinischen beginnen. Ein wichtiger Vertreter der nachklassischen lateinischen Literatur ist Aulus Gellius, geboren wohl um 130 n. Chr. Sein Hauptwerk und damit ein Hauptwerk der spätlateinischen Epoche sind die Noctes Atticae (Attische Nächte). Es handelt sich dabei um ein Sammelsurium von Abhandlungen zu diversen Themenfeldern wie Mathematik, Philosophie, Recht, Geschichte, Grammatik, Phonetik und Literatur, das ein genauso facettenreiches wie eigensinniges Spiegelbild der römischen Kultur im 2. Jh. n. Chr. bietet.

Die Amts- und Verwaltungssprache Latein breitet sich zudem im 1. Jh. n. Chr. weiter auf die Iberische Halbinsel und im 2. Jh. n. Chr. nach Nordafrika und Gallien aus; Britannien erreicht sie dagegen nur zögerlich. Bei alledem fällt auf, dass das Lateinische wohl nur in geringem Ausmaß Dialekte ausbildet – ein Umstand, der sich vielleicht durch die Verwendung als Amts- und Verwaltungssprache und die damit einhergehende relativ einheitliche Verbreitung auf dem Wege des Militärs und der Verwaltung erklärt. Ab dem 3. Jh. n. Chr. wird die lateinische Sprache aus Teilen des Reiches wieder verdrängt, so etwa aus Britannien und Nordafrika. In den übrigen Gebieten entwickelt sie sich über die Volkssprache des sogenannten Vulgärlateins im Laufe des ersten Jahrtausends nach Christus in die verschiedenen romanischen Sprachen, die modernen Abkömmlinge des Lateinischen.

Kennzeichen

Als Paradebeispiel einer synthetischen Sprache zeigt das Lateinische die syntaktischen Beziehungen innerhalb eines Satzes ganz überwiegend nicht durch Formwörter, sondern durch die Flexion der Nomina und Verba an. Da es außerdem nur verhältnismäßig wenige Personalpronomina, Präpositionen und Konjunktionen verwendet und auf Artikel gänzlich verzichtet, zeichnet es sich durch vor allem durch seine Prägnanz und Kürze aus – Charakteristika, die auch bei der Gegenüberstellung von lateinischem Text und Übersetzung immer wieder augenfällig werden. Zusammen mit einer relativ geringen Zahl von Worten führt dies umgekehrt aber auch zu einer starken Mehrdeutigkeit und Kontextabhängigkeit, wodurch das Verständnis lateinischer Texte erschwert wird.

Das Lateinische kennt in grammatischer Hinsicht mit Blick auf die Verba die drei Modi (Aussageweisen) Indikativ (Wirklichkeitsform), Konjunktiv (Möglichkeitsform) und Imperativ (Befehlsform) sowie die sechs Tempi (Zeiten) Präsens (Gegenwart), Imperfekt (Vergangenheit), Perfekt (vollendete Gegenwart), Plusquamperfekt (Vorzeitigkeit in der Vergangenheit), Futur I (Zukunft) und Futur II (Vorzeitigkeit in der Zukunft). Mit Blick auf die Nomina unterscheidet man die drei Genera (Geschlechter) Maskulinum (männlich), Femininum (weiblich) und Neutrum (sächlich), die beiden Numeri Singular (Einzahl) und Plural (Mehrzahl) sowie die sechs Kasus (Fälle) Nominativ (Wer-Fall), Genitiv (Wes-Fall), Dativ (Wem-Fall), Akkusativ (Wen-Fall), Ablativ (mit diversen Funktionen) und Vokativ (Anrufungsfall) sowie zusätzlich Reste eines Lokativs (Ortsfall).

Zum Thema Übersetzen.